Jubiläumsbroschüre

25Förderkreis Stiftskammer e.V. 2001-2026

Förderkreis Stiftskammer e.V. 2001-2026 Festschrift zum Jubiläum

Die Geschichte des Stiftes Freckenhorst reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück; gegründet und gestiftet vom Grafen Everword. Die erste Stiftsgemeinschaft der adeligen Damen wurde geführt von einer Äbtissin, der Heiligen Thiatildis. Der Mittelpunkt der immer wieder baulich veränderten Gesamtanlage ist die Stiftskirche, ein monumentaler Bau, der mit den zugehörigen Gebäuden und den vielen Kunstschätzen von der ehemaligen Bedeutung des Stiftes erzählen kann. Diese Kirche wurde nach einem großen Brand unter der Äbtissin Geva als romanische Klosterkirche im 11./12. Jahrhundert wieder aufgebaut und 1129 geweiht. Mit ihren fünf Türmen ist sie weithin sichtbar. Nach Westen hin gibt es einen gewaltigen viereckigen Mittelturm, in dem sich die Glocken befinden. Daneben stehen zwei runde Türme mit Treppen im Inneren. Wie viele romanischen Kirchen hat die Stiftskirche ein breites Mittelschiff und zwei kleinere, niedrigere Seitenschiffe. Durch das Querschiff bildet der Grundriss ein Kreuz ab. Das heute erhaltene Kreuzrippengewölbe wurde unter der Äbtissin Maria von Tecklenburg im 15. Jahrhundert eingezogen. Die Nutzung der Anlage als Stift endete mit der Aufhebung aller Klöster zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mit der Durchsetzung der Säkularisierung, also der Trennung von Staat und Kirche. Die Stiftsgebäude und die noch vorhandenen Schätze fielen in der Folge an die Kirchengemeinde von Freckenhorst. Stift Freckenhorst 3 2 Im ehemaligen Kreuzgang erinnert eine Zeittafel an die Abtissinnen des Stiftes.

4 5 Der Förderkreis Stiftskammer e.V. wurde im Vorfeld der Eröffnung der Stiftskammer im Jahr 2001 auf Initiative von Dechant Schüller und unter der Leitung von Klaus Gruhn gegründet. Der Vorstand des Förderkreises und die vielen interessierten Mitglieder arbeiten seit der Gründung ehrenamtlich für die gemeinsam gesetzten Ziele. Laut Satzung ist der Förderkreis zuständig für die Erhaltung und Restaurierung der zahlreichen Kunstwerke des Stiftes Freckenhorst. Das klingt sehr technisch, bedeutet aber letztendlich, dass wir uns berufen sehen, – neben dem Heimatverein und der Werbegemeinschaft – aus Bewohner/innen von Freckenhorst Bürger/innen von Freckenhorst zu machen, die sich gerne mit ihrem Lebensort und seiner Geschichte identifizieren. Viele Stationen kennzeichnen diesen Weg • Aufbau und Ausbau des Museums in der Petrikapelle • Restaurierung von beschädigten Kunstwerken • Weiterentwicklung des Museums durch die jährlichen Sonderausstellungen. • Anpassung der Ausstellung an gegenwärtige Museumstechniken Begleitet wurden diese Wege durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit • Es erschienen Bücher über die Kunstgegenstände von Freckenhorst. • Es gab Vorträge und Konzerte, um auf das Museum aufmerksam zu machen. • Eine besonders zielgerichtete Broschüre wurde erarbeitet: der Kinder- und Jugendführer. • Pressemitteilungen erscheinen in regelmäßigen Abständen. Der Internetauftritt wurde gestaltet und immer wieder neu angepasst. • Es wurden Kooperationen mit anderen Museen im Kreis Warendorf geknüpft. • Eine Arbeitsgemeinschaft der kleinen Schatz- und Stiftskammern im Bistum Münster ist auf unsere Initiative hin in der Gründungphase. Bei den unterschiedlichen Projekten konnten wir uns auf vielfältige Unterstützung verlassen: die Pfarrgemeinde St. Bonifatius Freckenhorst, das Bistum Münster, die Sparkasse Münsterland-Ost, das Förderprogramm 9+LEADER im Kreis Warendorf, die NRW-Stiftung, der Landschaftsverband WestfalenLippe und zahlreiche Privatpersonen, die unserem Verein angehören oder ihm nahestehen. Allen beteiligeten Personen sei bis hierhin herzlich gedankt, und im Namen des Vereins möchte ich Ihnen heute zurufen: Weiter so! Ihre Marie-Theres Kastner, 1. Vorsitzende Einleitung

7 6 Herausragend aus den vielen Kostbarkeiten hat sich in der Kirche der Taufstein erhalten – beinahe 900 Jahre alt. Durch ein Schriftband wird die obere Zone, die Geschichte Jesu, der uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung Erlösung und Heil schenkt, getrennt von sechs gewaltigen Löwen, wohl Zeichen des Unheils. Ein Menschenkopf in ihrer Mitte strahlt trotz allem Ruhe und Zuversicht aus. Der Freckenhorster Taufstein Ein steinerner Kopf, Ansätze eines Bartes und einer Krone sind trotz des schlechten Zustandes erkennbar – möglicherweise ein sächsischer König. Die Krone lässt noch die klassische Form einer Bügelkrone erahnen, die aus einem Kopfreif und zwei sich auf dem Haupt kreuzenden Bügeln besteht. Unterfüttert waren diese Kronen mit einer Kappe – daher erkennen wir auch keine Haartracht. Besonders interessant ist das Motiv des x-förmigen Blattmusters auf dem Reif auf der rechten Kopfseite: Dieses begegnet uns nicht nur in der Petrikapelle auf den herausgebrochenen Kapitellen der Stiftskirche, sondern auch am Taufstein in der Freckenhorster Bonifatiuskirche. Diese stilistische Übereinstimmung zum Taufstein lässt die Forscher vermuten, dass der Kopf nicht nur zur gleichen Zeit wie der Taufstein entstanden ist, nämlich um das Jahr 1129, sondern auch in derselben Werkstatt. Ein Königskopf

8 9 Reliquien – Knochen oder Gegenstände aus dem Besitz von Heiligen – waren von Beginn an begehrte Objekte auch für Freckenhorst. Im 11./12. Jahrhundert setzte zudem eine intensive Kreuzverehrung ein. 1312 wurde zum ersten Mal eine Kreuzreliquie in Freckenhorst erwähnt. Im 13./14. Jahrhundert entwickelte sich dann sogar eine Wallfahrt zur Verehrung des Heiligen Kreuzes. Deshalb wurde die Kirche im 13./ 14. Jahrhundert auch vorübergehend als ecclesia sanctae crucis (Kirche des Heiligen Kreuzes) bezeichnet. Die Äbtissin Katharina von Frankenstein förderte die Kreuzverehrung in besonderem Maße, indem sie die Bruderschaft zum Heiligen Kreuz förderte. Die dazugehörige originale Urkunde von 1350 befindet sich heute in der Stiftskammer. Nachdem die Kreuzreliquie im 16. Jahrhundert infolge der Reformation verloren gegangen war, wurde die Tradition der Kreuzverehrung erst wieder aufgenommen, nachdem es der Äbtissin Francisca Antonetta von Westerholt zu Lembeck gelungen war, eine neue Reliquie vom Heiligen Kreuz zu beschaffen. Die Kreuzreliquie wird nicht in der Stiftskammer gezeigt, sondern befindet sich in der Kirche in einem steinernen Turm an der Seite des Choraufgangs. Kreuzverehrung in Freckenhorst

10 11 Die Franziskanerkrippe von 1864 wurde im Auftrag des Förderkreises mit großem Aufwand restauriert. Die Gesichter und die Hände sind aus getöntem Wachs gegossen und die Gewänder aus bemalter Leinwand geformt. Eine vergleichbare Krippe mit dieser großen Anzahl der Figuren ist nur noch selten zu finden (Die Abbildung zeigt nicht alle Figuren). Zur Weihnachtszeit verlässt die Krippe das Depot und wird in der Krypta der Bonifatiuskirche aufgestellt. Das zeigt die enge Verbindung von Pfarrgemeinde und Förderkreis. Die Krippe von Freckenhorst

12 13 Textile Schätze Aus dem reichen Schatz an kostbaren Textilen des ehemaligen Stifts Freckenhorst sind aus konservatorischen Gründen nur wenige Beispiele im Wechsel in der Stiftskammer ausgestellt. Die grössere Anzahl der empfindlichen Messgewänder, Kaseln und Pluviale aus vielen Jahrhunderten werden in einem Depot über dem Kreuzgang aufbewahrt. Dort können die textilen Kunstwerke – oft aus Brokat und Seide, mit aufwändigen Stickereien aus Gold- und Silberfäden – interessierten Besucher/innen in speziellen Führungen nahe gebracht werden.

14 15 Im Jahr 2001 wurde durch aufwändige Umbauten aus der Petrikapelle, die im Laufe der Jahrhunderte viele unterschiedliche Nutzungen hatte, die Stiftskammer. Hier werden die Kunstschätze aus der langen Geschichte des Stiftes in der Dauerausstellung präsentiert. Die Besucher erhalten Einblicke in das religiöse Leben der Stiftsdamen durch die verschiedenen Jahrhunderte. Jährliche Sonderausstellungen rücken seit 2022 ein Objekt oder ein Thema„in den Mittelpunkt“. Man kann sagen, dass die Stiftskirche heute das Zentrum der Kirchengemeinde und der religiösen Botschaft ist, während der Förderkreis von der Petrikapelle aus die Bedeutung der Kunstobjekte und die Geschichte des Stiftes Freckenhorst den Menschen näherbringt. Die Petrikapelle Sonderausstellungen Im Jahr 2022 beschloss der Förderkreis zur Ergänzung und Vertiefung seiner Dauerausstellung Sonderausstellungen durchzuführen. „In den Mittelpunkt gerückt“ heißt es nun jedes Jahr neu.

16 17 Das Evangeliar ist auf Pergament geschrieben und ist ein sehr frühes Zeugnis der Geschichte des Stiftes. Die Stifterin war eine Kanonisse mit Namen Emma, von der nicht viel bekannt ist. Es ist davon auszugehen, dass sie es nicht selbst geschrieben hat. Vielmehr dürfte es in ihrem Auftrag aus anderen Schreibstuben der damaligen Zeit nach Freckenhorst gekommen sein. Seite für Seite kann jede/r Besucher/in – Dank digitaler Technik – in der Stiftskammer das EmmaEvangeliar, ein Buch vom Ende des 10. Jahrhunderts, am Bildschirm duchblättern. Dazu gibt es Erläuterungen und kleine Geschichten. So wird die Kostbarkeit und Einzigartigkeit dieser Handschrift im Detail gegenwärtig. 2022: Das Emma-Evangeliar Diese Pietá, um 1500 in Westfalen geschaffen, stand stellvertretend für ähnliche Bilder und Skulpturen aus der Umgebung Freckenhorsts im Mittelpunkt der Ausstellung. Das Thema war die große Verehrung der Muttergottes in unserem Kulturraum. Mit großer Wahrscheinlichkeit war diese Pietá anfangs auch mit Reliquien ausgestattet und somit Gegenstand von Gebeten um Hilfe und Heil. Die Skulptur war viele Jahre an das Thiatildiskrankenhaus in Freckenhorst ausgeliehen, wurde anschließend restauriert und war in der Sonderausstellung zum ersten Mal wieder zu sehen. 2023: Mutter Maria

18 19 Auf Grund der engen Verbindungen des Stiftsgründers Graf Everword zu Bonifatius, gab es von Beginn an eine große Verehrung des Heiligen. Es war von Anfang an der Auftrag an die Stiftsdamen, das Gedächtnis an ihn zu bewahren und um Fürbitte für Freckenhorst zu beten. Dieses wird deutlich in ungewöhnlich vielen Bonifatius-Kunstwerken in der Kirche und in der Stiftskammer. Ganz besonders ins Auge fällt die große Silberbüste auf einem Reliquiensockel und der Wanderstab des Bonifatius mit Reliquienkapsel in der ehemaligen Apsis der Petrikapelle. 2024: Unser Bonifatius

20 21 Aufgabe der Stiftdamen war das tägliche Gebet und der Gottesdienst. Darüber hinaus ist sicher davon auszugehen, dass seit der Gründungszeit eine klösterliche Armenfürsorge betrieben wurde, die Witwen, Waisen, Kranken und Behinderten zugute kam. Im Gegenzug mussten allerlei Abgaben von den Bewohnern des Grundbesitzes an das Stift übermittelt werden. Das Heberegister – eine Pergamenthandschrift aus dem 11./12 Jahrhundert – legte fest, welche Waren und Dienstleistungen seitens der umliegenden Bauern und Handwerker nach Freckenhorst geliefert werden mussten. Bis zu 260 Hofstellen brachten über die ihnen zugewiesenen fünf Schulzenhöfe Getreide, Tiere, Käse, Honig, Wein und vieles mehr zum Stift Freckenhorst. 2025: Vom Nehmen und Geben

22 23 Die Ausstellungsstücke in der Stiftskammer – prachtvolle Goldschmiedearbeiten, kostbare Handschriften, Steinfragmente von hohem künstlerischen Wert, mittelalterliche AlltagsGegenstände wie Türklopfer aus Bronze, seltene Textilien, ein eindrucksvolles Hungertuch – stammen aus einer Zeitspanne vom 11./12. bis ins 19. Jahrhundert und repräsentieren damit weite Strecken der Stiftsgeschichte. Die Kunstschätze haben über ihren materiellen Wert hinaus eine ideelle und religiöse Berdeutung. Viele der Goldschmiedearbeiten waren zum liturgischen Gebrauch oder zur Aufbewahrung der eigentlichen Kostbarkeiten, nämlich der Reliquien, hergestellt worden. Jedes Exponat gewährt Einblicke in die Mentalität, das Wertgefüge und tägliche Leben der geistlichen Frauen, die seit dem Mittelalter hier lebten. Dass die Ausstellungsstücke aus so unterschiedlichen Jahrhunderten stammen, zeigt, dass jede Generation der adligen Stiftsdamen immer wieder neu darum bemüht war, Schätze zur Verehrung Gottes fertigen zu lassen und zu finanzieren. Für eine begrenzte Zeit ist der Schrein der Heiligen Thiatildis nicht an seinem angestammten Platz in der Stiftskirche, sondern ganz nah zu sehen – im Mittelpunkt der Petrikapelle. 2026: Der Schatz von Freckenhorst

24 25 Der Förderkreis Stiftskammer e.V. wird auch in Zukunft mit Vorträgen, Aktivitäten und Sonderausstellungen die Geschichte des Stiftes und seiner Menschen allen Interessierten näherbringen. Für 2028 steht das Thema schon jetzt fest: „Das Hungertuch von 1628“. Es wurde unter der Äbtissin Agnes von Limburg-Bronkhorst-Styrum während einer Zeit gefertigt, in der das Stift sehr in Bedrängnis war – mitten im 30-jährigen Krieg. Auf 14 Feldern sind Szenen aus der Passion in Filetstickerei angeordnet. Eine Handarbeitstechnik, die heute kaum noch bekannt ist. 2028 wird diese einzigartige Textilarbeit 400 Jahre alt. Bevor sie dann im Mittelpunkt der Jahresausstellung stehen kann, wird es noch Vorarbeiten, eine fachmännische Untersuchung, vielleicht auch eine pflegende Reinigung geben müssen. Seien Sie dabei, unterstützen Sie den Verein, werden Sie Mitglied! ... und weiter? © 2026 Förderkreis Stiftskammer e.V. Alle Rechte vorbehalten. Redaktion: Marie-Theres Kastner, Dr. Gunter Tönne Fotos und Umsetzung: Stephan Kube Druck: LUC GmbH, Selm Vorstand Marie-Theres Kastner (Vorsitzende), Dr. Gunter Tönne (stellv. Vorsitzender), Dr. Michael Paulitsch (Schriftführer), Jürgen Zika (Schatzmeister), Dana Stroese (Beisitzerrin), Ariane Weßelmann (Beisitzerin), Maria Westhoff (Beisitzerin), Erich Poppenborg (Beisitzer), Manfred Krampe, Pfarrdechant (Beisitzer kraft Amtes) Kontakt vorstand@stiftskammer-freckenhorst.de www.stiftskammer-freckenhorst.de Besucheradresse Stiftskammer in der Petrikapelle, Stiftshof 2, 48231 Freckenhorst Von April bis Oktober jeweils sonntags von 15:00 bis 16:30 Uhr Zusätzliche Öffnung nach Vereinbarung.

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